Alleinerziehend und krank
(Oder: Warum Viren keine Rücksicht auf deine Befindlichkeiten nehmen)

Alleinerziehend und krank
Viren schicken keine Terminanfrage
Es gibt diesen magischen Moment im Leben alleinerziehender Eltern: Man wacht morgens auf, versucht, den Kopf vom Kissen zu heben, und stellt fest: Aha. Mein Körper hat sich offiziell verabschiedet.
Die Stirn glüht, die Glieder schmerzen, die Nase ist dicht und im Kopf arbeitet ein Presslufthammer. Jede Faser schreit nach Bettruhe, Hühnersuppe und mindestens drei Tagen Schlaf.
Spoiler: Es interessiert niemanden.
Denn du bist alleinerziehend. Und Viren schicken leider keine Terminanfrage an deinen Kalender, um zu klären, ob es gerade passt.
Der Mythos vom „Einfach mal auskurieren”
Wenn kinderlose Erwachsene krank sind, sieht das ungefähr so aus: ins Bett legen, Tee trinken, Lieblingsserie, schlafen, bis alles wieder gut ist. Fast schon Wellness.
Wenn du alleinerziehend krank bist, sieht das so aus:
5:45 Uhr. Der Wecker klingelt. Du hast ihn bereits dreimal weggedrückt und trotzdem das Gefühl, nicht eine Minute geschlafen zu haben.
6:25 Uhr. Ein Kind steht neben dir und verkündet, ganz beiläufig: „Mama, ich muss noch einen Aufsatz abgeben und zwar heute.” Dein Hirn versucht kurz, das zu verarbeiten, und meldet dann: Fehler 404.
7:05 Uhr. Du schleppst dich auf allen vieren in die Küche. Im Hintergrund läuft schon die erste Diskussion, warum die Milch alle ist und warum es morgens keine Süßigkeiten zum Frühstück gibt, warum man eigentlich in die Schule, beziehungsweise in den Kindergarten muss.
7:15 Uhr. Du stehst da mit 39 Grad Fieber, hältst dich an der Arbeitsplatte fest und schmierst Pausenbrote mit der Präzision eines betrunkenen Bauarbeiters. Dann erwischst du mit dem Ellbogen die Müslischüssel, die Tasse und das Glas Saft. Alles. Gleichzeitig. Es klirrt, es spritzt und irgendwo in dir stirbt leise ein kleines Stück Hoffnung.
7:22 Uhr. Du denkst dir ganz ruhig: ABER.... Ich würde jetzt wirklich, wirklich gerne einfach alles und jeden an die Wand klatschen.
Seien wir doch mal ehrlich, wer hatte diesen Gedanken noch nicht?
7:48 Uhr. Ihr seid zu spät dran. Natürlich. Du hast ja auch in Zeitlupe gearbeitet, weil dein Körper im Energiesparmodus läuft.
Die kleinen Teufel haben immer noch keine Zähne geputzt. Dabei hast du es gefühlt hundertmal gesagt. Mindestens. Offenbar in einer Frequenz, die nur Hunde hören können.
Du verlässt das Haus mit einem Kopf der sich wie Matsche anfühlt, einem Kind ohne Mütze ( weil die mal wieder unauffindbar war) und dem sicheren Gefühl, etwas vergessen zu haben. Es ist wahrscheinlich dein Verstand.
Wenn Aufgeben keine Option ist
Manchmal fragt man sich in solchen Momenten, woher man die Kraft eigentlich noch nimmt.
Du hast kein Backup. Es gibt keinen Partner, der sagt: „Leg dich hin, ich mach das schon.” Du bist Erstversorgung, Verpflegung, Fahrdienst, Streitschlichterin und Unterhaltungsprogramm in einer Person, die sich anfühlt, als hätte ein LKW sie überrollt. Der LKW hat danach auch noch zurückgesetzt, sicherheitshalber.
Du machst das Nötigste. Du schraubst deine Ansprüche nicht nur herunter, du gräbst sie tief im Garten ein:
- Kochen? Luftsuppe, das wär doch mal was.
- Haushalt? Die Wollmäuse unter der Couch haben Aufenthaltsrecht beantragt.
- Kinderbespaßung? Fernseher an, Pädagogik aus. Survival Modus offiziell aktiviert.
Und während du da liegst, dich kaum rühren kannst und dich aufs Atmen konzentrierst, schleicht sich dieses fiese schlechte Gewissen an: „Ich werde meinen Kindern gerade überhaupt nicht gerecht.”
Bitte mal die Kirche im Dorf lassen
Doch, verdammt nochmal! Du wirst ihnen gerecht.
Alleinerziehend und krank zu sein ist schon echt die Königsklasse des Funktionierens. Dass du in solchen Momenten nicht strahlend und bestens gelaunt am Esstisch sitzt und bastelst, ist keine Schwäche. Es ist schlicht menschlich.
Wir müssen aufhören, von uns Superhelden Leistungen zu erwarten, wenn der Akku bei minus fünf Prozent steht.
Es ist völlig in Ordnung, wenn der Tag scheiße ist.
Es ist völlig in Ordnung, wenn du fluchst.
Es ist völlig in Ordnung, wenn die Tränen fließen, weil einfach alles zu viel ist.
Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn der Aufsatz nur drei Sätze hat.
Denn:
Wenn du am Ende alle gefüttert hast, alle noch leben und du es irgendwie wieder ins Bett geschafft hast: Herzlichen Glückwunsch. Du hast ein Wunder vollbracht.
An alle Alleinerziehenden da draußen, die gerade hustend, schniefen und völlig am Ende sind: Ich sehe euch. Ihr seid fantastisch.
Und jetzt: Fernseher an, Wäsche liegen lassen, diesen Tag einfach überleben.
Du bist nicht allein.
#DuBistNichtAllein