Brief an mein jüngeres Ich
Liebe Diana,
ich weiß ziemlich genau, wo du gerade sitzt. Höchstwahrscheinlich in deinem Zimmer, die Musik zu laut, die Arme verschränkt und mit diesem ganz bestimmten Blick, der der Welt sagen soll: Lasst mich einfach alle in Ruhe.
Du hältst das, was du gerade durchmachst, für die absolute Katastrophe. Das Drama in der Clique, das Gefühl, dass dich niemand versteht, der Streit mit deinen Eltern, der Pickel genau am Tag der Party und diese lähmende Angst, dass du dein ganzes Leben ruinierst, wenn du jetzt nicht den perfekten Weg einschlägst. Und ganz ehrlich: Ich würde dir heute wahrscheinlich einfach einen Kaffee hinstellen, mich neben dich setzen und tief durch atemen. Denn ich weiß, dass sich das für dich gerade wirklich riesig anfühlt. Ich werde dir nicht erzählen, dass deine Probleme damals lächerlich waren oder dass du dich „nicht so anstellen“ solltest. Für dich waren sie echt. Und sie haben wehgetan.
Trotzdem würde ich dir gern etwas sagen, das du als Teeneager wahrscheinlich überhaupt nicht hören willst: Du wirst nicht an diesem Streit zerbrechen. Du wirst nicht daran zerbrechen, dass jemand dich nicht mag, dass eine Freundschaft kaputtgeht oder dass irgendein Typ deine Gefühle nicht erwidert. Du wirst noch oft genug das Gefühl haben, dass dein Leben gerade komplett gegen die Wand fährt, und manchmal wird es das tatsächlich ein kleines Stück tun. Aber du wirst irgendwann feststellen, dass ein Umweg noch lange kein Untergang ist und dass eine beschissene Phase nicht automatisch bedeutet, dass dein ganzes Leben beschissen wird.
Du willst wahrscheinlich wissen, wie es weitergeht. Vielleicht hoffst du sogar, dass ich dir jetzt sage: „Keine Sorge, mit Ende 30 ist alles sortiert, entspannt und wunderbar erwachsen.“ Tja. Da muss ich dich leider enttäuschen. Es wird nicht leichter. Es wird anders. Das Leben hört nämlich nicht plötzlich auf, ein Chaos zu sein, nur weil man älter wird. Die Probleme ändern lediglich ihre Form. Statt Cliquendrama gibt es Rechnungen, statt Liebeskummer wegen irgendeines Typen gibt es echte Vertrauensbrüche und die schlaflosen Nächte kommen irgendwann nicht mehr vom Feiern, sondern vom Nachdenken darüber, wie zum Teufel man eigentlich alles gleichzeitig schaffen soll.
Aber du wirst auch Menschen kennenlernen, bei denen du irgendwann denkst: Verdammt. Genau solche Menschen habe ich gesucht. Menschen, mit denen du lachen kannst, bis dir der Bauch wehtut, die deine Macken nicht nur aushalten, sondern sie mögen, und die auch dann noch da sind, wenn du gerade nicht besonders einfach bist. Du wirst Menschen haben, mit denen du am Küchenboden sitzen kannst, wenn mal wieder irgendetwas komplett aus dem Ruder gelaufen ist und irgendwann werdet ihr wahrscheinlich sogar darüber lachen können.
Du wirst aber auch Menschen verlieren. Manche werden dich enttäuschen, manche werden dich verletzen und manche werden irgendwann einfach nicht mehr zu deinem Leben gehören, obwohl du einmal überzeugt davon warst, dass sie für immer bleiben. Das wird wehtun. Manches davon sogar richtig. Aber du wirst lernen, dass ein Mensch gehen kann, ohne dass du daran zerbrichst. Du wirst irgendwann verstehen, dass nicht jeder Verlust bedeutet, dass mit dir etwas nicht stimmt und dass man Menschen manchmal gehen lassen muss, obwohl man sich gewünscht hätte, dass es anders kommt.
Du wirst Fehlentscheidungen treffen, ein paar davon sogar so richtig krachend. Du wirst Pläne machen, von denen du überzeugt bist, dass sie genau so funktionieren werden und irgendwann wirst du feststellen, dass das Leben offenbar andere Vorstellungen hatte. Manche Wege werden sich als Sackgassen herausstellen, manche Entscheidungen wirst du später ziemlich gründlich hinterfragen und manchmal wirst du daliegen und denken: Na herzlichen Glückwunsch, Diana. Das war ja wieder eine verdammte Glanzleistung.
Aber weißt du was? Du wirst wieder aufstehen. Nicht wie eine Heldin im Hollywoodfilm, die perfekt geschminkt in den Sonnenuntergang reitet und dabei zufällig noch fantastisch aussieht. Eher wie jemand, der sich irgendwann den Staub von der Hose klopft, einmal kräftig flucht, sich einen Kaffee macht und sich fragt, wie es jetzt eben anders weitergehen kann. Du wirst nicht jedes Mal sofort wissen, was zu tun ist. Manchmal wirst du einfach nur weitermachen, weil dir gerade nichts Besseres einfällt. Und auch das wird reichen.
Du musst noch nicht wissen, wer du mit Ende 30 sein wirst. Du musst nicht den perfekten Weg finden und schon gar nicht heute entscheiden, wie dein komplettes Leben aussehen soll. Du darfst dich irren, deine Meinung ändern, Träume haben und sie irgendwann wieder loslassen. Du darfst dich verlieben und dir dabei komplett den Kopf verdrehen lassen. Du darfst Entscheidungen treffen, die sich später als ziemlich bescheuert herausstellen und du darfst irgendwann feststellen, dass der Weg, den du unbedingt gehen wolltest, gar nicht mehr deiner ist.
Du wirst dich verändern. Mehrmals. Und wahrscheinlich wirst du dich zwischendurch selbst ziemlich überraschen. Es werden Dinge passieren, von denen du heute noch überhaupt keine Vorstellung hast. Du wirst lachen, richtig lachen. Du wirst Menschen kennenlernen, die dir guttun und Menschen, von denen du lernen wirst, was du in deinem Leben nicht mehr möchtest. Du wirst Träume verlieren und neue finden. Du wirst Dinge schaffen, bei denen du heute niemals glauben würdest, dass du das kannst. Und du wirst trotzdem immer wieder Tage haben, an denen du keine Ahnung hast, was du eigentlich gerade machst.
Also mach dir nicht so einen Kopf, kleines Ich. Du bist gerade dabei herauszufinden, wer du überhaupt bist. Dafür musst du nicht perfekt sein und du musst auch nicht jede Entscheidung richtig treffen. Du darfst laut sein, stur sein, wütend sein, Angst haben und manchmal völlig danebenliegen. Das macht dich nicht falsch. Das macht dich zu einem Menschen, der gerade erst anfängt, sein eigenes Leben kennenzulernen.
Und irgendwann wirst du zurückblicken und vielleicht verstehen, dass du gar nicht alles richtig machen musstest. Du musstest auch nicht immer wissen, wo du hinwillst. Manchmal hat es gereicht, den nächsten Schritt zu machen, nachdem der letzte nicht funktioniert hat. Manchmal war der nächste Schritt winzig, manchmal ziemlich groß und manchmal bestand er vermutlich einfach darin, aufzustehen, laut Musik zu hören und nicht noch mehr Blödsinn anzustellen.
Du wirst fallen. Mehr als einmal. Du wirst weinen, fluchen, dich ärgern und dich manchmal fragen, warum zum Teufel ausgerechnet du schon wieder in irgendeinem Schlamassel gelandet bist. Aber du wirst auch wieder lachen, dich verlieben, neue Menschen finden, Dinge ausprobieren und irgendwann feststellen, dass du viel mehr aushalten und schaffen kannst, als du dir heute vorstellen kannst.
Also leb erst einmal dein Leben. Versuch nicht, es jetzt schon komplett zu verstehen zu wollen. Du musst nicht wissen, wo du mit 30 bist, geschweige denn mit 38 oder 40. Du musst nicht alles planen und schon gar nicht verhindern, dass etwas schiefgeht. Denn einiges wird schiefgehen. Dafür wirst du später Geschichten haben, über die du lachen kannst, Menschen, die du niemals kennengelernt hättest, wenn alles nach Plan gelaufen wäre und eine Version von dir, die sich aus all diesen Umwegen langsam zusammengesetzt hat.
Bis später, kleines Ich. Es wird eine wilde Fahrt, manchmal wunderschön, manchmal richtig beschissen und ziemlich oft irgendwo dazwischen. Aber sie wird deine sein.
Deine Diana
#DuBistNichtAllein